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Gewesenes

Im Sommer 78 suchten der Fotograf Egon Hellfeier und ich ein Atelier und damals konnte man noch unglaubliche Objekte finden: 180 qm in einer Parallelstraße zum Hohenstaufenring für 530,- DM. Bei der Besichtigung stellt sich heraus, dass es ein Druckfehler war: es ging um 350,- DM.

Das Objekt hatte einen separaten Eingang auf der Roonstraße und lag im Souterrain mit einem Glasspitzdach und wir waren und rasch einig, dass man damit in die Öffentlichkeit gehen sollte. Unser Start mit einer ersten Ausstellung und einem parallel dazu auftretenden Gitarrenduo bekam gute Presse. Also kauften wir Kaffeehaustische und Klappstühle, erwarben die Gemeinnützigkeit und konnten Konrad Beikircher für eine erste Veranstaltung mit Abendkasse gewinnen, der zu der Zeit noch Gefängnispsychologe in der JVA Siegburg war.

Es ging bergauf und bei einer Veranstaltung mit dem Kabarettisten Kalle Pohl stand ich im Hinterraum und kochte Glühwein, als die Metalltür zur Roonstraße ging. Ich schaute nach späten Gästen und 2 Herren mittleren Alters in Mänteln kamen die Treppe herab, nicht ganz unsere Klientel. Ich ging ihnen entgegen und sie fragten mich, wer denn hier was zu sagen hätte Ich bat sie in den Hinterraum, wo der eine das Gespräch mit: „Sie schenken hier also Alkohol aus!“ eröffnete, was ich verneinte und sagte, dass jeder Gast sich etwas davon umsonst nehmen könne. Mittlerweile hatte der Kabarettist zum Akkordeon gegriffen und die Stimmung stieg, Lachen und Applaus.

„Dürfen wir mal Ihre Toiletten sehen“ ging es zur nächsten Frage und ich sagte, die Toilette ist dort im Saal hinter der Tür, wo das Waschbecken ist und auf die Frage nach dem Fluchtweg konnte ich nur mit dem Finger auf die steile Treppe weisen, auf der sie eben hinabgestiegen waren. Der Herr im Staubmantel griff in eine Innentasche und reichte mir eine Karte: „Ich möchte Sie bitten, am Montag um 10h doch einmal in unserem Büro zu erscheinen“. Städtisches Bauamt, las ich darauf.

Als wir am Montag um 10h dort erschienen, hatte wir eine Verteidigungslinie aus Gemeinnützigkeit und Zusammenarbeit mit dem Kulturamt aufgebaut und wurden nach dem Anklopfen hereingerufen und mit der Bitte die Tür zu schließen zum Sitzen aufgefordert.

Der erste eröffnete das Gespräch mit „Das ist ja unglaublich, das ist ja wie Berlin 68 und das in unserem Viertel“, und schwärmte los von Kreuzberg, Insterburg und Co, der zweite kannte Mühlenhaupts „Leierkasten“, sie redeten sich in Begeisterung und schlossen mit: „ Wenn wir nicht durch eine Anzeige gezwungen sind, tätig werden zu müssen, werden Sie von unserer Seite nichts zu befürchten haben“.

Nach vier Jahren mit einem Festzuschuss des Kulturamtes über 10.000,- DM und dem 4. Platz der Programmhinweise des Stadtanzeigers die Bühnen der Stadt betreffend hatten wir keine Lust mehr auf Circusdirektor. Schließlich waren wir als Künstler angetreten und wir verkauften diese Existenz an einen gerade angesagten türkischen Pantomimen.

Nicht lange nach der notariellen Überschreibung klingelte das Telefon, der Pantomime, das Bauamt wäre da und sie wollten das Theater dicht machen. Als ich dort ankam wurde die Eingangstür gerade mit „Betreten verboten“ . versiegelt und der mir bekannte Beamte zuckte mit den Schultern. Ein neues Theater in Ehrenfeld, das sie hätten schließen müssen, hätten uns gezeigt.

Der Pantomime war wie gesagt auf der Erfolgsspur, er investierte und hat das „Atelier Theater“ in die Form gebracht, wie man es heute kennt.


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